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Tami (Kapitel 1)

Montag

QUIIIETSCH!!

Der Bahnwagon ruckelt und schlängelt sich schwerfällig wie eine wabbelige Gurke über die Gleise.
Tamis Körper wird einmal nach links gegen die Wagonwand gedrückt, dann nach rechts gegen ihren Sitznachbarn. Sie drückt ihre Tasche enger an sich. Sie fährt nicht gern mit der Bahn.

Sie versucht, zur Ablenkung aus dem Fenster sehen, aber sie fahren gerade unterirdisch. Da gibt es nichts zu sehen. Also schaut sie auf ihre Tasche auf dem Schoß und ignoriert, dass das Männerbein neben ihr ein bisschen in ihren Sitzbereich hineinragt. Nur ein bisschen. Dabei sind seine Beine gar nicht so dick. Aber vielleicht ist es schwierig für Männer die Beine zusammen zu behalten. Was weiß Tami schon von der männlichen Anatomie.
Als hätte der Mann gespürt, dass Tami gerade über ihn nachdenkt, hat er den Kopf leicht zu ihr gedreht und lächelt sie an, kurz und schüchtern. Tami erwidert das Lächeln knapp und starrt dann ausdruckslos nach vorn. Sie versucht nicht zu nett zu sein, sonst spricht er sie noch an.

Tami lässt ihren Blick durch das Bahnabteil gleiten. Da sie fast am Ende des Wagens sitzt, hat sie einen guten Überblick. Es ist relativ voll. Es ist fast acht Uhr am Morgen, es ist Stoßzeit. Die meisten sind auf dem Weg zur Arbeit. Man kann sie leicht an den desillusionierten, leeren Blicken erkennen. Die Sehnsucht nach Kaffee und Rentenzeit ist ihren ins Gesicht geschrieben.
Ein paar einzelne, verlorene Seelen scheinen vom Feiern zu kommen, und sind jetzt endlich auf dem verdienten Rückweg zu ihrem warmen Bett. Mit ihren kleinen, schläfrigen Augen erinnern sie Tami an verwirrte Panda-Babys, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Tami fragt sich, wie sich das wohl anfühlen muss. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so lange wach gewesen ist.

QUIIIETSCH!!

Sie kommen zum Stehen, und Tami umarmt reflexartig ihre Tasche. Ihr Sitznachbar steht endlich auf. Sie haben irgendeine Station erreicht. Tami senkt den Blick. Auf dem Sitz neben ihr liegt etwas. Der Mann muss darauf gesessen haben. Tami starrt darauf. Ein Flyer? Es sind starke Farben. Viel Rot und Schwarz, es ist etwas Ernstes.
Tami greift danach. Zu spät fällt ihr ein, dass ja nur fünf Sekunden früher der Männerhintern darauf geparkt war. Egal. Jetzt ist es eh zu spät. Sie mustert das verstärkte Stück Papier. Sie sieht ernste, bleiche Männergesichter in schicken Röcken, in den kräftigen Händen halten sie Stäbe. Glänzender Schmuck auf den Köpfen.
Es ist Werbung für eine Ausstellung im Nationalmuseum. Tag der Könige!
Tami steckt den Flyer in ihre Tasche. Das ist vielleicht was für diesen Sonntag. Aber erst einmal diese Woche überstehen…

Und plötzlich stimmt etwas nicht. Etwas bohrt sich in ihren Hinterkopf. Da ist jemand hinter ihr. Ihr Herz pumpt. Ihr wird warm. Ihr wird heiß. Jemand beobachtet sie. Jemand beobachtet sie!
Was jetzt?
Sie versucht zu atmen. Dann fasst sie ihren Mut zusammen. Sie dreht den Kopf herum.

Und sie sieht… eine Frau. Eine harmlose Frau, die in ein Buch schaut. Sonst ist da niemand.
Tamis Anspannung fällt ab. Sie ist fast ein bisschen enttäuscht.
Es ist nur eine Frau.

Aber irgendwie kann Tami den Blick nicht abwenden. Die Frau hat dunkelbraune, lange, schöne Haare und trägt einen schwarzen, schicken Hosenanzug. Sie ist auf eine unbekümmerte Art hübsch. Und Tami weiß nicht, woher der Gedanke plötzlich kommt, aber sie wäre gerne ihre Freundin.

Tami dreht ihren Kopf wieder nach vorn. Sie fühlt sich merkwürdig, leer. Sie ist sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob die Frau sie überhaupt angesehen hat. Wahrscheinlich hat sie sich das nur eingebildet. Wie könnte es anders sein?

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