Unprofessionell
„Wir sind nur zu dritt?!“
Mark kratzt sich am Ohr. Er schaut auf seine Armbanduhr.
Ja, Mark. Es ist 19 Uhr. Es wird wohl niemand mehr kommen.
Daria beginnt, auf der Stelle zu joggen.
Als Mark weiterhin nur rumsteht und sich wiederholt hoffnungsvoll auf dem Parkplatz umsieht, sagt Daria: „Lasst uns starten!“
Und sie starten. Endlich setzen sie sich in Bewegung.
Zu dritt.
Daria bereut etwas, gekommen zu sein. Heute Abend ist bei Katja ein Treffen, zu dem sie gerne noch gehen will. Es wird knapp werden mit dem Lauftreffen hier jetzt davor. Aber gut. Es wird schon passen.
Eigentlich kommt Daria gern hierher. Es ist ein offener Lauftreff, jeder kann kommen. Es soll einen entspannten Austausch ermöglichen und ein entspanntes Miteinanderlaufen. Es geht um das Stadion herum. Ja, außen um das Stadion herum. Da gibt es einen gepflasterten Weg, der einmal um das Ganze herum geht. So kann jeder laufen, so schnell er will und kann. Und man bleibt trotzdem am selben Ort, irgendwie.
Oft sind auch professionelle Läufer dabei. Leute, die Marathons laufen. Oder auch andere Sportler. Daria findet es interessant, sich mit solchen Leuten auszutauschen, Neues zu lernen.
Aber heute wird das nichts.
Heute ist Mark da.
Sie kennt Mark bereits. Er ist Lehrer oder so. Er ist oft dabei. Er ist nett. Aber das war‘s auch. Professionell ist er nicht.
Und jetzt läuft da neben ihm diese Frau, die Daria hier noch nie gesehen hat. Vielleicht ist das seine Frau?
Daria runzelt die Stirn. Die Frau trägt eine lange, dunkle Jogginghose. Eine richtige Jogginghose. Darin wird ihr doch in fünf Minuten zu warm werden?! Daria versucht wegzusehen. Egal. Egal. Nicht mein Problem.
Da dreht sich Mark umständlich zu Daria um, während er weiter am Laufen ist. Er winkt sie näher heran und ruft:
„Lara ist heute das erste Mal dabei!“
Daria schließt zu den beiden auf und erwidert:
„Das habe ich mir schon fast gedacht.“
Daria versucht es sich zu verkneifen, aber sie kann sich nicht stoppen. Sie muss noch einmal einen Blick auf Laras Hose werfen. Nur kurz.
Ja, diese Hose ist immer noch viel zu warm.
Und ohne dass Daria darauf achten will, bemerkt sie, dass Laras Körper eigentlich ganz fit wirkt. Trainiert. Sie erkennt Muskeln, wo der nackte Oberarm aus dem weißen, übergroßen T-Shirt herausschaut.
Da durchzieht Daria plötzlich ein Gefühl von – was ist das - Scham?
Sie schaut auf den Weg vor sich.
So genau wollte sie Lara gar nicht auschecken. Es ist ihr unangenehm.
Aber Joggen kann Lara trotzdem nicht besonders gut. Ihre Lauftechnik…
Da schießt plötzlich eine Frage Lara heraus. Es klingt etwas spitz und außer Atem:
„Kommt ihr jede Woche?“
Mark antwortet: „Ja, ich versuche es jedenfalls. Es hilft, eine Routine zu haben. Und man lernt hier echt nette Leute kennen!“
Er lacht verlegen.
Anstatt auch eine Antwort auf Laras Frage zu geben, fragt Daria: „Was machst du beruflich, Lara?“
„Ach… was mit Sport.“
Mir Sport? Daria versucht noch einmal unauffällig einen Blick auf Lara zu werfen.
Mark: „Oh, interessant! Was für ein Sport?“
„Klettern, vor allem Bouldern. Ich trainiere Kinder.“
Daria: „Dann kletterst du professionell?“
„Nein, das würde ich nicht sagen. Oder was meinst du damit?“
Daria ist irritiert, dass man über die Frage irritiert sein kann.
„Na, gehst du zu Wettkämpfen?“
„Nein. Muss ich das?“
„Ist das nicht üblich als Trainer? Sollte man nicht gut sein in dem, was man unterrichtet?“
Sie spürt, wie Lara sie von der Seite ansieht. Was will sie? Sie ignoriert es.
Nach einem kurzen Moment des Schweigens antwortet Lara langsam: „Die Kinder sind da, um Spaß zu haben. Wir trainieren nicht auf Leistung. Dafür sind meine Kletterfähigkeiten gut genug.“
Daria versteht nicht ganz, was Lara eigentlich sagen will. Unruhe überkommt sie. Sie überlegt, schneller zu laufen. Die beiden sind ihr zu langsam. Aber sie ignoriert das Gefühl.
Sie will nicht unhöflich sein. Sie will versuchen, nett zu sein. Sie will versuchen, Mark in das Gespräch einzubringen. Sie sagt:
„Mark, da habt ihr ja was gemeinsam.“
Mark, verwirrt: „Was meinst du? Ich kann nicht klettern.“
„Ich meine, dass ihr beide mit Kindern arbeitet.“
„Mit Kindern?“
Oh. Mein. Gott.
Daria gibt ihr Bestes, nicht ungeduldig zu klingen. Es gelingt ihr nicht.
„Du bist doch Lehrer."
Mark lacht: „Fast. Zahnarzt.“